Gemütlich sitze ich auf der Bank. Ich rauche. Neben mir der inkludierte Gratiskaffee des Hotels, den man sonst nur unter Protest oder in aller Not trinken würde. Auf meinem Schoss mein elektronisches Buch, dem ich mit kurzen Unterbrüchen meine Aufmerksamkeit schenke. Das junge Pärchen neben mir scheint sich bereits auseinandergelebt zu haben. Vielleicht haben sie auch beim ersten grossen Urlaub festgestellt, dass sie sich eigentlich langweilig finden. Sie waren sich selbst offenbar nicht genug. Ich konnte ihr Schweigen fast hören. Mit gespielter Konzentration widmete ich mich meinem Buch zu. Aus dem Augenwinkel betrachtete mein Gehirn das sich anbahnende, nicht vermeidbare Elend. Ich starrte finster, unnahbar, in Gedanken versunken. Es half alles nichts. Sie ignorierten im Kollektiv sämtliche emotionalen, non-verbalen Signale…

«Hey, where are You from? »

Hier ist sie, die beschissene Traveler Smalltalk Frage schlechthin. Es scheint das Pendant zum amerikanischen «how are you doing today, Sir?» zu sein oder zum schweizerdeutschen «Hey, Ciao, häsch guet?». Niemand interessiert sich für die Antwort. Die Antwort ist vorhersehbar und ist einstudiert. Bei Jedem.
«good, how are you doing?»
«Tiptop, danke, Dir?» – und dann ist der Spuk vorbei und das Gespräch kann beginnen oder ohne grosse Aufregung zu Ende gehen. Der Traveler Smalltalk kann nicht mit einer einfachen einstudierten Antwort zum Ende gebracht werden. Visualisiert als Entscheidungsbaum, kann man sich das wie folgt vorstellen:

Im zwischenmenschlichen Small Talk sind die Eisbrecher-Fragen geschlossen, einfach, suggestiv («häsch guet», nicht «wie gahts dir?», «wie hets di?», nicht «was hesch hüt so gmacht?»). Jeder weiss intuitiv, dass vor allem bei Gruppen – beginnend bei mehr als 1 Person (im Schweizerdeutschen ab «Grüppli», oder «es Paar», über «easy vill lüüt», bis und insbesondere mit «mingia full house, alles voll mensche») – Small Talk Fragen vermieden werden. Man bleibt bei der einfachen Begrüssung, wohlwissentlich, dass man sonst im Todes-Loop der Floskeln endet. Schliesslich kann man sich ja nicht nur für die Befindlichkeit einer Person interessieren, sondern muss dann Gruppentherapeutisch alle abklappern. Erschwerend dazu kommt dann die Reihenfolge, ähnlich wie früher auf dem Pausenplatz in der grossen Pause, bei der Wahl von Sport Teams. Der Dickste am Schluss, es sei denn er war böse und stark, dann in der Mitte oder heuchlerisch am Anfang.
Bei Reisenden, insbesondere bei Backpackern und Hippies scheint das Gehirn auf Rucksackniveau geschrumpft zu sein. Voller Inbrunst und zielgerichtet wird das uninteressierte Gegenüber in eine nicht-enden-wollende Konversation verstrickt. Wie dem Entscheidungsbaum zu entnehmen ist, braucht es einiges an Geschick, um sich aus dieser Schlinge zu befreien. Die Exit Optionen sind begrenzt. Rot eingezeichnet ein seltener Pfad, wo die fragende Person ernsthaft in Erwägung zieht mit der Fragerei aufzuhören. Leider passiert das so gut wie gar nie, da sie sonst als unhöflich erachtet wird.
Je länger man unterwegs ist, desto weniger Lust hat man auf dieses Fragespiel. Man wird nicht gleich misanthropisch, aber eine latente Menschenscheu stellt sich ein. Ein natürlicher Schutz ist eine bereits bekannte Gruppe. Die neu dazustossende Person wird sich hüten mit dem Travelertalk in die Gruppe einzusteigen und wenn doch, dann nur mit 1 Frage, um Interesse zu signalisieren.

Gottseidank gibt es auch Ausnahmen. Wie immer im Leben sind diese spärlich gesät. Die Konversationen und Bekanntschaften daraus sind meistens die, die einem in Erinnerung bleiben.
Eben in diesem Moment setzt sich eine junge Frau etwa 2m von mir entfernt hin. Mein Unterbewusstsein zählt die Minuten bis zum Spielstart.