Die Zeit ist immer relativ. Die Lichtgeschwindigkeit ist konstant. Die einzige Richtung, in die sich die Zeit bewegt ist von der Gegenwart in die Zukunft. Das sind keine Plattitüden, sondern physikalische Gesetze. Ebenso die Tatsache, dass Zeit verrinnen direkt gekoppelt ist mit Zustandsveränderung. Eine Sekunde ist das 9.192.631.770-Fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung. Zeit ist also ein Übergang von Zuständen. Wenn sich nichts ändert, vergeht keine Zeit. Der menschliche Körper hat kein Organ für die Zeit, auch nicht im Gehirn – respektive es sind verschiedene Hirnregionen und Systeme daran beteiligt. Die Relativität der Zeit erfährt der Reisende sobald er sich mit Zuhausegebliebenen unterhält.

«Mann, die Zeit hier vergeht im Flug. Jetzt bist Du schon X Monate weg…».

Das stimmt wohl aus der rückblickenden Sicht des Zuhausegebliebenen. In der Tat kürzt das Gehirn die Erinnerungen zusammen, je weniger & langweiliger sie sind. Wer nichts erlebt, dem zerrinnt die Zeit rückblickend zwischen den Fingern. Fast schon widersprüchlich dazu ist die erlebte gegenwärtige Zeit sehr langsam. Der Arbeitstag scheint kein Ende zu nehmen. Eine Arbeitswoche bleibt kaum in Erinnerung, so schnell kam nach dem Montag der Freitag.
Der Reisende erlebt die Zeit komplett gegensätzlich. Die Tage vergehen wie im Flug. Das Gehirn ist voller Aufmerksamkeit für all die neuen Eindrücke, die auf uns zukommen. Rückblickend erscheint die Zeit extrem lang, hat man doch so Vieles erlebt.

«Geniess die Zeit in den 20er Jahren, danach geht alles so schnell».

Zwischen 20 und 30 ist das Leben voller Veränderungen und neuer Eindrücke. Die erste eigene Wohnung/WG. Die ersten nennenswerten Liebschaften/Liebesbeziehungen. Zusammenziehen, Trennungen, das erste Auto, das zweite Auto, grössere Reisen, Studium, Job, etc. Danach passiert zwar immer noch einiges, aber mit geringerer Intensität und geringeren Einfluss auf den Lebenspfad.
Gleiches gilt übrigens für einen regulären Urlaub, bei dem man am gleichen Ort verweilt.

Ein weiterer Einfluss auf die Zeit ist der Erregungszustand. Eine gefährliche Situation vergeht wie in Zeitlupe. Bei starken Emotionen, wie Freude, grosse Angst, wird das vegetative Nervensystem über Hormone in der Impulsrate verändert. Theoretisch kann dies auch mit Drogen erreicht werden, was allerdings nicht zu empfehlen ist.

«Dieses Projekt muss bis Freitag EOB fertiggestellt sein. Ebenso dieses Projekt und dieses Projekt.»

Wir leben in einer Multitasking-fordernden, schnelllebigen Zeit. Wir fühlen uns gestresst und haben das Gefühl keine Zeit zu haben. Es gibt kein Multitasking im menschlichen Gehirn, sondern vielmehr ein sequentielles Hin- und Herschalten, welches höchst Ineffizient ist.
Zudem und das mag überraschen, hat man nicht Stress, weil man keine Zeit hat, sondern keine Zeit, weil man Stress hat. Gefühlter Druck auf der Arbeit, viele Dinge, die alle gleichzeitig fertig sein müssen, der Chef sitzt im Nacken und zudem die Deadlines, die einem Kontrollverlust gleichkommen. Man arbeitet nur noch den Deadlines hinterher, unstrukturiert, unkoordiniert, Hauptsache alles ist im Rahmen der geduldeten Pünktlichkeit abgeliefert. Stress führt zu einer erhöhten Aktivität der Amygdala, das Kerngebiet des limbischen Systems und das Angstzentrum des Gehirns. Wir werden mit Cortisol, Noradrenalin, Insulin, Adrenalin (Stresshormone) vollgepumpt. Der Puls steigt, die Muskulatur spannt an, die Atmung wird schneller. Unser Frontallappen, als ordnungsschaffendes Organ, läuft Gefahr zu kollabieren. Wir verlieren komplett die Übersicht, teilen unsere Zeit falsch ein, machen viele Fehler und fragen uns am Ende des Tages, warum wir nichts erreicht haben. Gerne wird auch noch die eine oder andere Stunde angehängt, um Aufzuholen, was Versäumt wurde. Meist mit mässigem Erfolg.

«Wer Sport treibt, hat mehr Zeit».

Es klingt widersprüchlich, aber Sport hat in mehrerer Hinsicht einen positiven Einfluss auf unseren Körper. Die im denaturierten Alltag produzierten Stresshormone werden nicht mehr durch entsprechende Bewegung abgebaut. Auf der Couch «chillen» führt ebenfalls zu Entspannung, aber um ein Vielfaches reduzierter, als durch Bewegung, wo wir Endorphine und Serotonin produzieren, um die Stresshormone zu neutralisieren.

«Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt».

Es gibt haufenweise selbsternannte Therapeuten, Wochenendkursabsolventen in irgendeiner Guru Pseudowissenschaft und nicht zu belächelnde Meditierende. Sie alle versuchen die Aufmerksamkeit entgegen der menschlichen Natur zu bändigen und so verschiedene positive Effekte zu erzeugen. Das funktioniert in der Meditation auch nachweislich, erfordert aber einen immensen Zeitaufwand, um das Gehirn strukturell zu ändern. Aber es gibt einige Dinge, die man ohne grossen Aufwand in den Alltag integrieren kann:

  • Mit Arbeitskollegen auswärts essen gehen und aktiv gossipen (dient der Stressreduktion)
  • Nicht an seine Arbeit denken, bevor man auf der Arbeit ist. Sprich die Dusche und den Kaffee am Morgen ohne Ablenkung geniessen (erhöht die Aufmerksamkeit)
  • Die ersten Minuten auf der Arbeit zur realistischen Planung des Tages nutzen (erhöht das Gefühl der Kontrolle)
  • Sport treiben, anstatt auf dem Sofa rumzulungern
  • Den Job wechseln, wenn es aus zwischenmenschlichen oder arbeitstechnischen Gründen nicht funktioniert

Zusammenfassend einige Aussagen, um sich darüber Gedanken zu machen:

  • Man hat nicht keine Zeit, weil man so viel zu tun hat
  • Man hat nicht keine Zeit für Sport.
  • Die Zeit verrinnt beim Zuhausegebliebenen nicht schneller, als beim Reisenden – lediglich in der Retrospektive.

Wir haben signifikant mehr Zeit als unsere Vorfahren und eine immens höhere Lebenserwartung. Dennoch ist unsere Generation so gestresst, wie keine zuvor.