Tinder bietet fast unendliche Möglichkeiten. Innnert Minuten sieht man mehr potentielle Partner/innen, als an einem frequentierten Samstagnachmittag in der Stadt beim “People Watching”. Bevorzugte Lokalitäten dem “swipen” (Linkswischen für “nicht interessiert”, rechtswischen für “interessiert”) in vermutlich absteigender Reihenfolge: auf dem Klo, im Bett am Abend, im Bett am Morgen, auf dem Sofa am Abend, auf dem Sofa am Sonntag wenn nichts läuft. Ob man wirklich potentiellen Partnern gezeigt wird, hängt vom eigenen Nutzungsverhalten ab. Der Algorithmus hinter Tinder (reine Spekulation) kennt unsere Freunde (dank Facebook), unsere Interessen (dank Facebook), unsere Fotos (die wir preisgeben) und unsere Geolokation. Je nachdem wo, wann, wie lange und mit wie vielen links- rechts-Swipes die App bedient wird, wird man in unterschiedliche Kategorien gesteckt: Notgeil, auf Partnersuche, beliebt, unbeliebt, etc. Technisch gesehen macht es Sinn jedem Profile zu zeigen, die seinem eigenen Nutzungsverhalten entsprechen. Soviel zur Technik, irgendwann kommt dann der Match und irgendwann kommt das Treffen mit dem Match. Und vielleicht läufts sogar ganz gut. Man könnte sich jetzt ergiebig über die inhaltsverblödeten Kontaktaufnahmen mokieren, das werde ich aber nicht tun. Vielmehr möchte ich gerne einige Probleme skizzieren, die mit der menschlichen Schwäche fürs Auswählen mit sich kommen:

1. Je mehr Möglichkeiten man hat, desto eher bedauert man die gewählte Option – egal wie gut sie ist – denn es besteht ja noch die Chance, dass man jemand besseres hätte treffen können. Meist ist man noch nicht einmal bereit sich ganz verbindlich zu verabreden, denn es könnte sich noch eine Option auftun, die besser erscheint, als das ungewisse Date. Ist das Date erst einmal vorbei, stürzt man sich in das Nächste, um herauszufinden, wie gut das Erste war.

2. Die Optionen sind nur suggeriert. Man glaubt man könne auswählen. Speziell Frauen erfreuen sich der Tatsache, dass sobald Sie in die richtige Richtung swipen ein Match entsteht. Sie swipen in dem Sinne nicht, sie matchen oder matchen nicht. Im Übereifer des Dopaminrauschs blenden Sie aber die Tatsache aus, das die meisten Matches Horny Dudes sind, die Frauen anschauen und nach einem Ganzkörperscreening etscheiden, dass im jetzigen Zustand, wo mehr oder minder dringend nach Nächstenliebe gesucht wird, diese Frau doch bumsbar wäre. Also völlig egal, ob da die Interessen verkörpert werden und die Bilder im richtigen Winkel die eigenen Vorzüge hervorheben sollen, es geht um Figur, akzeptables Gesicht, Piercings, Tattoos, Körpergrösse – oder besser Körbchengrösse und die Frage an sich selbst: würde ich mit dieser Frau tendenziell schlafen wollen? Also liebe Frauen, wenn ihr einen Match habt, interpretiert nicht zu viel hinein. Er überlegt sich wahrscheinlich nicht einmal ob ihr sexy seid und eine Chemie da sein könnte, sondern eher ob ihr auf der Liste der Machbaren steht. Da dieser Gedanke unbequem ist und der Mensch positive Nachrichten Negativen bevorzugt, erklärt sich auch die Tatsache, dass dieser Sachverhalt strikt ausgeblendet wird.
Das männliche Balzritual ist ähnlich dem Pfau, der seinen Fächer aufspannt, auch wenn er ein Arschloch ist. Er betanzt potentiell zu Begatende mit allen Tricks. So kommen da die lustigen Intro Texte, die Anspielungen auf ihre Interesse – die nicht interessieren, die Bestätigung ihrer ins richtige Licht gerückte Schönheit oder ein kleines Detail, wie zum Beispiel die Augen. Das zieht immer und lenkt von der Tatsache ab, dass die Augen nur einen Teil des Screenings waren und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der ausschlaggebende Grund für die Kontaktaufnahme sind.

3. Opportunitätskosten subtrahieren sich von der Wahl, die getroffen wurde. Sprich, auch wenn man einen vermeintlich tollen Menschen dated, ist immer im Hinterkopf der Gedanke daran, was man sonst so alles hätte tun können. Man wird so – aufgrund der suggerierten Auswahlmöglichkeit – gar nie glücklich sein können.

Jede Frau, die einigermassen hübsch zurechtgemacht ist, wird im Ausgang von irgendeinem verblödeten Holzkopf salopp und wenig kreativ angesprochen oder gar angemacht. In der Tat ist selbst diese Variante aufrichtiger und mit mehr Gehalt, als ein Swipe und eine strategisch geschickte Kontaktaufnahme auf Tinder, inklusive strategisch gewählter Bilder im Profil, die die Chancen erhöhen gewählt zu werden. Es spielen Mimik, Gestik, Verhalten, Ausstrahlung, allenfalls Geruch, Körperhaltung, Aussehen eine Rolle. Tinder reduziert die Menschen auf 2D Bilder und suggeriert Interesse an der Person. Ist man erst einmal beim Treffen angelangt, dann kommen die Probleme. Oder wer kennt jemanden, der nach einem gelungenen Date Tinder gelöscht hat und alle weiteren Dates abgesagt hat?

Was meint ihr dazu?

Rotsch