Der Koffer ist gepackt, man steigt mit sonniger Vorfreude in den direkt zum Flughafen fahrenden, überfüllten und freizeitgeplagten Zug. Schweißgeruch erfüllt das heiße Abteil, den gequält lächelnden Gesichtern rinnt das Wasser von Stirn und Rücken und jeder sitzt in seinem eigenen Saft. Kindergeplärre, eine überforderte Mutter. Tuschelnde und Augenbrauen hochziehende Gesichter. Stirnen werden in Falten gelegt, die den Schweißperlen eine hügelige Abfahrt über das Gesicht bereiten. Schnell ertönt eine ellenlange, in den Bart genuschelte Durchsage der SBB, unterstützt durch sagenhaft schlechte Lautsprecherqualität. Kein Mensch hat was verstanden, keiner überhaupt zugehört, aber wir wissen alle: da wo wir ankommen, beginnen die Ferien.
Das letzte Mal wird von einer Gruppe knapp Volljähriger mit dem wohlverdienten Bier angestoßen, denn jetzt müssen wir alle aufstehen! Mit Beginn der Durchsage fahren wir schließlich allmählich in den Bahnhof ein und müssen ab sofort gehetzt und dumm im Gang stehen, denn in 5 min gehen ja schon die Türen auf. Basel! Du Stadt des unfreundlichsten Flughafens mit genervten Franzosen an jedem Schalter! Von hier will ich auf jeden Fall weg! Kein Flughafen macht es mir so leicht abzureisen wie du!
Aber zunächst will der NFB 50 bestiegen werden. Ein Vierer-Abteil durch 2 asiatische Touristen mit deren Koffern besetzt. Sie würden die Koffer-Plätze sicher mit ihrer bekannten Höflichkeit räumen. Wenn sie sich doch nur von ihrem Smartphone lösen, und einen Blick nach oben werfen könnten. Aber hören können sie die freundlichen Ansprachen der schwitzenden Mitpassagiere leider auch nicht, weil die Kopfhörer den Gehörgang blockieren und kein Aussengeräusch zulassen. Zumindest nicht über die Schallleitung. Die Knochenleitung scheint sich aber niemand zu bedienen zu trauen, also steht man auch hier im Gang und fristet seines Daseins in diesem Bus. Und dann ist man endlich da: Basel- EuroAirport-! Ein schneller Blick auf die Abflugtafel verrät: Halle 3. Denn von Halle 3 reist der easyjet-Pöbel ab. Hier zählt kein Komfort, hier zählt Abfertigung. Anders könnte man es den 250-300 Passagieren nicht ermöglichen erneut dumm in einem Gang herumzustehen, und durch das Nadelöhr von Gate 20-33 gepresst zu werden, um dort von immerhin 3 unfreundlichen Franzosen nach dem Boardingticket und dem Reisdokument gefragt zu werden. Anders hätte man auch nicht die Gelegenheit sich die anderen Reisenden anzuschauen und bei jedem Einzelnen zu hoffen, dass er nicht im selben Flugzeug sitzt. Oder gar auf dem Nebenplatz.
Nun ist man endlich in Halle 3 am Gate. Nanu? Die Monitore zeigen die gewünschten Reiseziele nicht an. -Alle laufen rum wie Falschgeld in der nackten Panik den Flug zu verpassen. Eine allgemeine Durchsage ertönt, die Qualität besser als in der SBB, aber hier durch einen starken Akzent derart verfremdet, dass man die vom Sprecher ausgewählte Sprache nicht zuordnen kann. “Das ist doch alles französisch!” -denkt man sich. Irritierte Gesichter. Schließlich kommt die Durchsage auf deutsch. Mehr “ö’s” und “sch’s” als gewohnt, aber schnell wird klar: alle Flüge verspäten sich. Das Gewitter über Jura duldet im Moment keine Abflüge. Gott sei Dank erbittet easyjet die Fluggäste spätestens eine halbe Stunde vor Abflug das Gate bereits passiert zu haben, denn sonst wird einem verwehrt beim Flug mitzumachen. Wieder eine Gelegenheit in der unzureichend bestuhlten Halle 3 dumm herumzustehen. Die Vorfreude auf die ersehnten Ferien schwindet aus den Gesichtern. Die ersten Familien haben jetzt die Gelegenheit gefunden den ersten Familienstreit, der eigentlich erst für den Ferienort anberaumt war, bereits hier abzuwickeln. Ungeduldige Kinder stellen die Horrorfrage aller Eltern “wie lange noch”?, zahnbespangte Teenager schreiben genervt Nachrichten, andere “wären mal doch lieber zu Hause geblieben”. Aber es hilft nichts. Alle wollen hier weg, lieber etwas später mit dem Flugzeug, als jetzt wieder zurück nach Hause.
Inzwischen ist man auch bereit dazu nach Tuzla zu fliegen, zumindest steht es so am Monitor. Wie auch immer es in Tuzla ist, wahrscheinlich besser als hier.
Konkretere Ansagen lassen nicht lange auf sich warten: Der Monitor wird mit den Lettern des gebuchten Reiseziels erhellt, die Gesichter der Reisenden strahlen mit dem Monitor um die Wette. Eine Stimme ertönt: “In Pfirsich Minütön Boarding”. Na immerhin! Hastig werden Angehörige an den Zielorten benachrichtigt. Und dann geht es doch noch recht schnell. Boarding beginnt. Damit aber nicht zu viel Freude aufkommt, wird jede Frau die nur Economy gebucht hat dazu angehalten zu demonstrieren, dass ihre noch so kleine Handtasche in den Handgepäckskoffer passt. Denn: es wird pro Person nur ein Gepäckstück geduldet. Das gilt auch für die Laptop-Tasche. Grosse Augen appellieren zart drängelnd an das Verständnis des Bodenpersonals aber es hilft alles nichts. Empörung, kleinlaute Androhungen von Konsequenzen. Irgendwie schaffen es doch alle in das Flugzeug -allerdings ohne das bekannte Vordrängeln, denn dazu fehlt es inzwischen an Kraft-. Bevor die einen ihre Plätze einnehmen, können die anderen die Zeit erneut nutzen dumm im Gang herumzustehen. Als alle sitzen ertönt die freundlich Stimme des Piloten. Das Gewitter sei mit seiner Performance über dem Jura noch nicht fertig. Immerhin können wir die nächsten 45 Minuten auf dem Rollfeld stehend dumm herum -sitzen-. So kommen wir alle unserem Ziel ein kleines Stück etwas bequemer näher. Als die Stimmung wieder zu steigen beginnt, keimt in den ersten Köpfen die Idee nach einem alkoholischen Getränk auf. Richtlinien sei Dank wird diese Idee durch die Bestimmung “am Boden keinen Ausschank betreiben zu dürfen” abgelöscht. Ernüchtert wird schließlich der Flug angetreten. Selbst die versprochenen Turbulenzen blieben uns nicht vergönnt. Am Zielflughafen angekommen werden die Erholung suchenden Passagiere mit gebrochenem Willen in die Ferien entlassen. Noch nie hatte man so die Gelegenheit, sich auf die kleinen, vermeintlich unscheinbaren Dinge zu besinnen. Wo vor einigen Stunden noch ein Geist innewohnte der Alkohol, Strand und Unterhaltung einforderte, war nur noch Platz für den bescheidenen Wunsch sich in ein Bett zu legen.
Endlich Ferien!