Gemütlich döse ich auf dem Liegestuhl am Strand vom Palm Royal in der Soma Bay in Ägypten. Im Dunkel des Dämmerschlafs werden meine visuellen Reize nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die fetten Russinenn haben sich meiner gleich – ohne Umweg einer Kitesession am Strand – direkt vom Buffet zum Strand gerollt. Krebsrotgebrannt fiebern sie dem Hautkrebs entgegen. Ich schlafe und träume von wilden Kitefiguren, die ich athletisch ins Wasser zaubere. Auf einen Schlag dröhnt mir Musik mit 120 Dezibel ins Gehirn. Soddom und Gomorra, denke ich mir und peitschenschlagartig bin ich wach und sitze kerzengerade auf. Vor meinen Augen gibt sich eine teilweise minderjährige, leicht bornierte Animationstruppe die Ehre und berieselt mich mit einer schockierenden Choreographie. Ich weiss nicht genau, wo ich meine Karmapunkte verloren habe, aber das habe ich nicht verdient. Ich brauche ein Bier. Vielleicht sogar 2 oder 3, Hauptsache genug, um das zu ertragen. Unmayestätisch hieve ich mich hoch und erspähe meinen Rettungsanker: die Bar. Der Kellner ist auf den Cent genau so motiviert, wie er bezahlt ist.
Ich: “Hello, how are you? Can I get a Beer, please”
Unmotivierter Kellner: “Room Number?” An dieser Stelle sei angemerkt, dass er sämtliche Höflichkeitsfloskeln ignoriert. Ich tippe auf eine kulturelle Barriere und nehme ihm das nicht übel.
Ich: “Ten-Fifteen”
Unmotivierter Kellner: “Ten-Fifty”
Ich: “No, Ten, Fifteen”
Unmotivierter Kellner: “All-inclusive or Halfboard?”
Ich: “Halfboard”
Unmotivierter Kellner: “Ok, 115”
Ich: “No, Fifteen, One Zero One Five”
Unmotivierter Kellner: “Ah, Ten-Fifteen”
Es ist ja nicht so, als ob ich das nicht bereits mehrfach und beherrscht zum Ausdruck hätte bringen wollen. Die Nonchalance mit der er mich hinstellt, wie ein Idiot, der kaum eine Englische Zahl richtig aussprechen kann, macht mich wütend. Das Bier schmeckt scheisse. Auf der Rechnung muss ich meine Zimmernummer nun doch wieder selbst hinschreiben.
Ich gehe noch unentspannter zurück zu meinem Liegestuhl, als ich aufgebrochen bin. Immerhin ist die Kindertruppe weg und versucht Leute zu animieren. Man möge doch auf die kaputte Dartscheibe schiessen oder sich sonst irgendwo beim Bekloppten-Volleyball zum Affen machen.
Ich lehne dankend ab und freue mich aufs Abendessen.
Unmotivierter Restaurantmitarbeiter, der gleich aussieht, wie der Kellner: “Do you have a Reservation?”
Ich: “No”
Unmotivierter Restaurantmitarbeiter: “You need a Reservation. Please go to the Business Center”.
Ich: “Where is the Business Center”
Unmotivierter Restaurantmitarbeiter: “Inside.”
Es macht keinen Sinn diese Konversation weiter fortzuführen. Ich fühle mich nicht in der Lage ihm mit Tiefen-psychologischen Tricks mehr Details zu entlocken.
Das Business Center ist geschlossen. Das Restaurant war fast leer, aber die Salatblätter scheinen abgezählt zu sein.
Doch Buffet-Frass.
Unsachte werde ich angerempelt. Die dicke Russin scheint mich in ihrer Egozentrik nicht gesehen zu haben. Ihr Kind sieht scheisse aus, ganz die Mamma.
Die Mitarbeiter haben sich als besondere Überraschung ausgedacht, die Balsamico Essigflasche auf einem Mikado-Turmähnlichen Gebilde aufzubauen. Es passiert das Unausweichliche: die Flasche fällt auf den Boden. Schlagartig bin ich Mittelpunkt des Geschehens. Für einige Sekunden bleibt das All-Inclusive-Karussell stehen. All Eyes on me. Der Idiot von der Bar. Der Idiot, der nicht reserviert hat. Der Idiot, der nicht einmal eine Essigflasche aus dem Turm nehmen kann. Mehrere Mitarbeiter eilen mir zu Hilfe und ermöglichen mir damit einen noch prominenteren Auftritt. Ich bedanke mich innerlich herzlich für die unerwartete Aufmerksamkeit. So etwas hätte ich mir am Strand gewünscht, als ich geschlafen habe. So etwas hätte ich mir an der Bar gewünscht, als ich bestellt habe. So etwas hätte ich mir im Restaurant gewünscht, als ich gerne einen Tisch gehabt hätte.
Das Essen ist lauwarm und schmeckt scheisse.