Ein durchschnittliches, gut-bürgerliches Schweizer Restaurant besteht aus 1 Chef, 1-2 Köchen, 1 Kumar als Casserolier, 4-5 Teilzeit Servicemitarbeiter/innen. Die Buchaltung, Revision, Informatik, Steuerberatung und Vorsorge werden oft extern gegeben. Der Chef schreibt die Menus, kauft im Grosshandel ein, macht die Speisekalkulation, definiert die Löhne und macht selbstständig Marketing. Oft ist der Beitritt zu lächerlichen Vereinen unabdingbar, speziell als Secondo oder Ausländer, denn Integration will bewiesen werden. Bei den meisten Restaurant steht der Ökonomische Zweck im Vordergrund: Überleben und angemessen Geld verdienen. Sie versuchen es deshalb den Gästen recht zu machen, denn ohne Gast, kein Lohn.
Das Konzept ist schlüssig, funktioniert und ist tausendfach in der Schweiz vertreten. Gewiefte Gastronomen setzen zusätzlich auf Spezialitäten und fokussieren sich getreu dem Motto von Restaurant-Retter “Buhmann” auf Spezialitäten. Besser eine kleine Karte und alles Top, als die ganze kulinarische Vielfalt der westlichen Hemisphäre, dafür aber 2.5 Tonnen Abfall pro Woche und irgendwie schmeckt doch alles gleich.

Wer in einer multinationalen Firma arbeitet ist dazu eingeladen, mit mir ein Gedankenspiel durchzugehen. Was wäre, wenn ein durchschnittliches gut-bürgerliches Schweizer Restaurant gleich geführt wäre, wie eine multinational Firma?

“Das Management brütet im eigens dazugemieteten Sitzungszimmer. Die Jalousien sind halb heruntergelassen, sonst wäre das überdimensionierte Excel auf dem Beamer nicht sichtbar.

Der Head of Purchasing steht verzweifelt davor und moniert, dass die Weeks of Stock von Gemüse bedrohlich hoch seien, die Nachfrage nach Karotten, Kartoffeln und Gurken wurde massiv überschätzt. Man müsse Massnahmen ergreifen, sonst fällt das Gemüse ins Aged und könne nicht länger gehalten werden. Der zuständige Produktmanager, der vor der letzten Bonuszahlung die Bestände zu seinen Gunsten erhöht hat, fühlt sich in der Pflicht einen Vorschlag zu erbringen. Er könne eine 50% Beilagen-Promo aufsetzen, wo der Gast anstelle eines kompletten Mittagsmenus nur noch das Hauptgericht wähle und dann könne man die beliebten Pommes und Nudeln mit günstigem Gemüse pushen. Der Finanzchef sitzt gelangweilt da und tippt eine Email an seine vermeintlich Geliebte. Der Managing Directior ist beeindruckt und hört gespannt zu. Das sei ein Top-Vorschlag, so werde man auch gleichzeitig dem Restaurant Blüemlisalp nebenan Gäste abjagen. Wenn sich diese Flexibilität erst einmal herumgesprochen hat. Marketing soll unbedingt über alle social Media Kanäle entsprechende Assets platzieren. Eine Erhöhung des Marketing-Budgets für die umsetzende Agentur werde man aus dem nächsten Quartal vorziehen. Diese Chance dürfe man nicht verpassen. Der Finanzchef sieht aus seinem PC hoch und fügt an, dass der Euro Umwechselkurs entgegen dem Hedging läuft und die umgerechneten Preise demnach in Deutschland sinken werden. Die Promo müsse noch aggressiver gestaltet werden, sonst werden die Leute nach Deutschland fahren und dort essen. Er habe unlängst bemerkt, dass weniger Verkehr herrscht und bei Regenwetter auch weniger Gäste kommen. Das sei zwar gut für seinen Arbeitsweg, aber er ist alarmiert. Restaurant sei doch Restaurant, die Leute essen heute ökonomisch, das habe er von einem Arbeitskollegen in einer eindrücklichen Präsentation bewiesen bekommen. Er widmet sich wieder seiner Email und fragt Annemarie aus dem Service, was Sie heute so trägt. Der Head of Product Management pflichtet dem Produktmanager bei und versichert dem Managing Director, dass er den Setup der Promo genaustens tracken werde. Der Head of Ambiente ist per Skype zugeschaltet, sitzt zusammen mit dem Head of Daily Business im Auto. Er habe mit dem Service Enablement Manager ein halbtägiges Meeting gehabt, um einen sauberen Close the Gap Plan aufzustellen, wie die vier Damen aus dem Service besser incentiviert werden könnten. Sie seien zum Schluss gekommen, dass kombiniert zu der Promo die Servicemitarbeiterinnen einen Kick Back in Form von Gutscheinen bekommen. Die Gutscheine sind natürlich nur im eigenen Geschäft für Essen, Getränke ausgeschlossen, einlösbar. Antonio aus dem Logistics Department hätte ohnehin kürzlich Maritherese und Annemarie zum Restaurant Blüemlisalp gehen sehen. Er sei besorgt, ob es sogar zu einem Vorstellungsgespräch gekommen sei. Wenn dem so sei, dann müsse man bei einer Kündigung vorsichtig vorgehen, die Message an den Markt hätte bestimmt einen negativen Einfluss auf das Abendgeschäft, das doch Jahr-über-Jahr um 9% oder 3 Gäste gewachsen sei. Das Wachstum stehe natürlich in einem direkten Zusammenhang mit dem 360° Customer Consultant, den Sie letztes Jahr auf seine Empfehlung hin eingestellt haben.
Der Managing Director ist sichtlich beeindruckt und beauftragt die Sekretärin die Meeting Minutes an das ganze Board und auch an den Restaurantbesitzer zu verschicken. Er bedanke sich herzlich für die rege Teilnahme, wünsche den Leuten im Auto eine gute Fahrt und beendet siegessicher das Meeting. Er sei stolz darauf das beste Management Team der Industrie zu haben. Zusammen seien Sie unaufhaltbar – was doch ein toller Slogan für das ganze Restaurant wäre.

Dagmar und Rosemarie aus dem Service sind verunsichert. Palarathnasingam und Georg aus dem Excel Tasking hätten Ihnen ein Raci geschickt, wo Ihnen die Verantwortung übertragen wird zu fragen, ob denn der Gast eine Kundenkarte möchte, wo er das 53 Coca Cola Zero gratis bekommen könne. Das sei in der Verantwortung vom Ambiente Team. Sie hätten schon genug zu tun mit der Koordination und obligaten Massage der Gäste. Die Menus seien so kompliziert geworden, dass Sie ohne Produktmanager den Gästen kaum mehr das Mittagsmenü erklären könnten. Meist müssen Sie bei Sonderwünschen einen Excel Request für den ‘Architect for Special Requests’ stellen und den Gast vertrösten, doch das gewünschte Menu in 2-3 Tagen (wenn approved) zu essen. Zudem hätte der Restaurantbesitzer kürzlich einen Auszug aus dem Net Promotor Score gezeigt und da wäre die Zahl 60 drauf. Sie verstehen gar nicht, was das bedeutet. Die Köche aus der Küche seinen auch ratlos und zudem werde Annemarie vom Head of Finance mit schlüpfrigen Emails belästigt. Der Head of Service zeigt sich besorgt. Er werde diese Punkte im nächsten Management Meeting auf die Agenda setzen und Sie über die vereinbarten Massnahmen in Kenntnis setzen. Den Beschwerdecase bezüglich Maritherese werde er mit HR besprechen…

Kein kleineres und auch kein grösseres Restaurant dieser Welt könnte mit diesen Strukturen funktionieren. Grossfirmen werden sprichwörtlich aus dem Elfenbeinturm geführt und funktionieren so. Die arbeitende Belegschaft blickt selbst nicht mehr durch die firmeneigenen Strukturen durch, rapportiert mehr als Sie arbeitet, scheitert mit erfolgsversprechenden pragmatischen Vorschlägen und resigniert irgendwann. Irgendwo im Hintergrund ziehen Wallstreet und andere Bänker die Fäden. Sie strafen Firmen ab, die signifikanten Gewinn erzielen, weil sie die kapitalistische Erwartungshaltung von Hyper-Wachstum nicht erfüllt haben. Um schnell die Bücher zu korrigieren werden arbeitende Stellen abgebaut, da dies einen direkten positiven Einfluss auf die jährliche Erfolgsrechnung hat. Für den ganzen Wasserkopf an Excel- und Enablement Managers hat es immer einen Platz.

Im Vorteil ist, wer etwas umsetzen und arbeiten kann. Wenn das Kartenhaus zusammenbricht, dann besteht für die Leute noch Hoffnung.