Nummer 4, Bett 3, hier ist deine Bettwäsche, hier ist ein Duschtuch. Wir haben eine Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftstoiletten.
Nein, ich bin nicht im Gefängnis, ich bin in einem Hostel gelandet. Ein kleiner Buchstabe mitten im Wort ändert die Bedeutung der Ruhestätte diametral. Es steckt weder eine unentdeckte masochistische Tendenz in mir, noch ein «Jenke» Experimentiergeist, sondern lediglich ein homo oeconomicus, dem Hotelzimmer um 100$ die Nacht nicht zusagen. «You get what you pay for» – ein eisernes Gesetz auf der Welt. Obschon unglaublich viel Gemeinschaft zum leidigen Opfer der Privatsphäre geboten wird – notabene mit Unbekannten – kann ich mir nicht vorstellen, dass sich Menschen darin wirklich wohl fühlen. Aus dem Produktmanagement ist mir eine Regel geläufig: «Wenn das Produkt ein Unglück ist, was kann er als Marketing-Chef dann noch ausrichten? Einen Marketingmix aus Scheiße riechen auch die dümmsten Konsumenten.» Die Hostels werden im Internet hochgelobt und auch hochgehandelt. Auch wenn in Booking.com Topnoten über 8.0 im Durchschnitt verteilt werden, darf das zentrale Unglück nicht ausser Acht gelassen werden.
Es gibt keine guten Hostels, denn im Grundsatz sind sie gegen die Natur des Menschen.
Einige Beispiele, um dies zu verdeutlichen:

Das Vertrauensparadox:

Man ist gezwungen mit wildfremden Menschen ein Zimmer zu teilen. Teilweise bekommt man sie nicht einmal zu Gesicht. Sichtlich angeheitert torkeln sie mitten in der Nacht ins Zimmer und begeben sich in einer Rücksichtslosigkeit zu Bett, die selbst in einer brüderlich geführten WG zu Streit führen würde. Es kommt auch vor, dass bei Zimmerbezug bereits jemand in einem Bett liegt. Es mutet einem seltsam an, eine noch nie gesehene Person in ihrem Bett zu begrüssen.
Wie dem auch sei, gibt es manchmal die Möglichkeit seine Sachen einzuschliessen. Dies wird ebenfalls hoch zelebriert: «Wir haben einen Safe…, Du kannst deine Wertsachen einschliessen…,». Das Misstrauen könnte nicht grösser sein. Und doch überwindet man seine natürliche Intuition und versucht die Menschen positiv zu sehen. Man könnte ja mitten in der Nacht ausgeraubt werden oder gar abgestochen. Es gibt keinen wirklich grossen Unterschied, ob man draussen auf der Parkbank pennt oder in einem Raum mit Wildfremden.
Sparfüchse, Budget-Traveler oder auch Reisende, die keine Lust auf ein Restaurant haben, bedienen sich gerne der Gemeinschaftsküche. Penibel wäscht jeder alles ab, bevor er es benutzt. Natürlich wenn er findet, was er sucht oder es noch ganz ist, wenn er es gefunden hat. Es ist geradezu auffällig, dass alle Angst vor Unhygiene und Krankheiten haben. Es ist ein Widerspruch in sich selbst. Es wird Gemeinschaft geheuchelt, es wird künstlich vertraut und doch herrscht eine Grundanspannung in Jedem. Ich glaube kaum, dass irgendjemand wirklich ruhig und tief schläft. Mit einem Auge sind alle wach und bereit zum Kampf.

Schlafqualität
Zu obgenannten Gründen der allgegenwärtigen Alarmbereitschaft im Schlaf, kommt noch die meist puddingartige Matratze hinzu. Der Rücken wird wie in einer Hängematte durchgedehnt, teilweise von liebkosenden Federn malträtiert. Die Geruchsemissionen mancher Mitbewohner liegen nahe bei der Schmerzgrenze. Schnarchen ist nicht nur Männersache. Einige mögens warm, die anderen kalt, mit Licht, ohne Licht, mit Fenster offen, Fenster geschlossen – ein Konsens ist fast nicht möglich.

Ungeziefer
Insbesondere Frauen sehen nach einigen Hostel Nächten so aus, als wären Sie ohne Moskitoschutz kurz vor Sonnenuntergang durch den Sumpf gewatet. In Tat und Wahrheit wurden die armen schutzlosen Frauen (bis auf einige Öko-Frauen, die der natürlichen Behaarung nicht entgegenwirken) von Bettwanzen heimgesucht. Das aggressive Salzwasser des Meeres steuert seinen Teil dazu bei, dass nicht mehr viel Schönheit am Frauenbein übrigbleibt. Dazu gesellen sich Kakerlaken, Spinnen, Moskitos, Läuse und andere undefinierbare Tiere.

Free Coffee & Free WiFi & Free Bikes
«Wir haben gratis Kaffee am Morgen. Er schmeckt zwar Scheisse, aber er ist gratis». So wird der gratis Kaffee nicht angepriesen, aber das wäre die Wahrheit. Free Wifi heisst ebenfalls nicht schnell & gut, nur gratis und grundsätzlich in seiner Funktion vorhanden. Die Bandbreite wird durch die Anzahl Benutzer geteilt. Die Free Bikes sind sicherlich für manch einen Fahrradmechaniker, der sich nach Arbeit sehnt, ein Highlight.

Die Liste liesse sich gewiss noch ins Unendliche fortführen. Mit zunehmendem Alter hat man mehr Selbstachtung und die Opportunitätskosten der entgangenen Schlafqualität und generellen Ruhephase werden immer höher, was entsprechend höhere Übernachtungspreise in Privatsphäre rechtfertigen. Schlimmstenfalls übernachtet man noch in einem Szene Gebiet, wie in einem Surfer Ort. Die halbschwulen Pippi-Langstrumpf Bubis mit ihren Stangen-Surfer-Outfits und den Käppli über den verweiblichten Haarwuchs sind einfach eine Nummer zu viel. Es wird so viel Coolness versprüht, dass die Fassade dieser Surfbrett-durch-die-Gegend-Träger bereits nach weniger als einem Augenblick bröckelt. Ausser szenigen Fremdwörtern kommt nur ein Schwall von unbehandelten Blech aus ihren Mündern. Dass ich dabei auf jegliche Konversation, sogar Nonverbale, verzichtet habe, versteht sich von selbst.